Unsere künstlerischen Zielsetzungen in Form eines fiktiven Interviews

 

theater morgenstern - was ist das?

Wir sind ein Kinder- und Jugendtheater, das heißt ein Theater, das sehr viel vor allem für Kinder im Grundschulalter spielt. Wir spielen ab und zu auch Abendvorstellungen und sind mit den gleichen Inszenierungen, die wir auch für Familien und Schulklassen spielen, vor reinem „Erwachsenenpublikum“ sehr erfolgreich. Auf Tourneen in unserer Anfangszeit durch Deutschland und in die Schweiz haben wir sogar sehr oft im „Abendtheater“ gastiert.

Das macht sicher nicht mit allen Stücken Sinn. Da unser Hauptschwerpunkt jedoch auf der Bearbeitung von klassischen Stoffen liegt, interessiert uns eine Bühnensprache, die Generationen übergreifend ist.

Was ist es, das uns an einer guten Geschichte zu fesseln vermag? Was macht den Kern von klassischen Geschichten aus, die zum Teil in abgewandelter Form seit Jahrhunderten erzählt werden? Das sind Fragen, die uns interessieren und für die wir nach ästhetischen Mitteln suchen.

Sucht Ihr denn da nicht nach Themen, die völlig abgerückt sind von der Lebensrealität der Kinder?

Die Lebensrealität von Kindern - und nicht nur von Kindern - ist sehr verschieden. Uns interessiert jedoch, ob es trotz der unterschiedlichen Erfahrungswelten eine Wirklichkeit gibt, die allen gemein ist, eine Wirklichkeit, die vielleicht Eltern, Großeltern, die Menschen in Afrika, Asien, Europa gleichermaßen betrifft.

An dieser Wirklichkeit versuchen wir anzusetzen, da suchen wir nach Formen, um dieser Wirklichkeit Raum zu verschaffen.

Was mein Ihr konkret?

Wir meinen konkret, dass wir mit unserer Theaterarbeit hauptsächlich den „Innenraum“ aktivieren und beleben wollen, der jedem Menschen innewohnt. Der scheint uns heutzutage tatsächlich in Gefahr. Alltag, Hektik, Stress, permanente Medienpräsenz tun ihr Übriges, um diesen Schatz zuzuschütten. Es bedarf heute mehr denn je geschützter Orte, die „Innenraum“ nicht nur zulassen, sondern ihm Entfaltungsraum und -zeit geben.

So ein Ort wollen wir sein.

Was ist „Innenraum“?

Innenraum ist der Ort, an dem ich innere Bilder, Visionen entwickeln kann. Es ist ein Raum absoluter Freiheit.

Diesen inneren Freiheitsraum möchten wir mit dem Theater beleben, in Bewegung bringen und stärken.

Aber ist dieser Raum bei Kindern nicht sowieso natürlich belebt durch ihre Phantasie?

Im Idealfall ja. Das macht es ja auch so schön, für Kinder zu spielen, da eine grundlegende Komplizenschaft zwischen Bühne und Zuschauerraum naturgemäß vorhanden ist. Allerdings wird den Kindern heutzutage von allen Seiten ihre Kindheit geraubt, ein freies, unbeobachtetes, von Phantasie getragenes Spiel ist kaum mehr möglich. Sie sind oft schon sehr jung einem direkten Angriff auf diesen inneren Freiheitsraum ausgesetzt.

Deshalb ist uns die Erforschung einer Spielweise, die gezielt Theater als Phantasie aktivierendes und stärkendes Medium grade für Kinder versteht, ein Anliegen.

Was heißt das konkret für die Theaterarbeit?

Das heißt erst einmal, dass wir auf ein komplettes Live-Erlebnis setzen, d.h. elektronische Medien oder Musikeinspielungen kommen in den Inszenierungen nicht vor. Die unmittelbare menschliche Begegnung ist uns enorm wichtig. Wir verstehen das Theaterspiel als ein Gespräch zwischen Bühne und Publikum.

Der innere Grundgestus der Spielenden den Zuschauenden gegenüber ist Sympathie. Über diesen Gestus der Sympathie, der Offenheit versuchen wir, die Geschichten zu erzählen.Wir haben bisher bereits eine Spielweise entwickelt, die eigenwillig ist und für neue Schauspieler ungewohnt. Wir achten sehr darauf, dass das gedanklich präzise und ausgespielte Körperspiel so gestaltet ist, dass die Zuschauenden sich mit einbezogen fühlen und die Gestik innerlich mitmachen können. Wenn wir auch die vierte Wand auf keinen Fall dahingehend öffnen, dass wir das Publikum direkt ansprechen und zum Mitreden animieren, so beziehen wir es doch in eine über das Publikum gedachte Bewegung in das Geschehen mit ein. So machen wir schon jetzt ein Theater, das bewegt. Es ist ein inneres Mitmachtheater.

An diesem Punkt würden wir gerne weiter forschen. Vor allem möchten wir in die Lage kommen, mit einem kontinuierlichen Ensemble arbeiten zu können, um diesen unseren ganz eigenen Stil weiter entwickeln zu können.

Habt Ihr noch andere Schwerpunkte in Eurer Arbeit?

Natürlich. Ein wichtiges Element, das uns von vielen Theatern unterscheidet, ist unsere Sprachbehandlung. Wir verstehen Sprache nicht primär als Informationsträger. Sprache ist für uns ebenso räumliche Bewegung, Klang, Rhythmus. Deshalb glätten wir unsere Theatertexte auch nicht in eine Alltagssprache, um den Kindern angeblich das Verständnis zu erleichtern.

Wir plädieren vehement für eine Vielfalt der sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten. Denn auch eine differenzierte Sprache eröffnet einen lebendigen „Innenraum“. Und da wir uns bemühen, im Probenprozess die gedankliche Bewegung in die sprachliche Äusserung mit einfließen zu lassen, sind ungewohnte Wörter in der Regel kein Problem. Sie werden aus Kontext, Bewegung, Klang heraus verständlich. Und sie bereichern zudem den Sprachschatz, dessen Verarmung alarmierend ist. Lebendiger „Innenraum“ und sprachliche Ausdrucksmöglichkeit bedingen sich unserer Ansicht nach gegenseitig.

Auch an diesem Punkt würden wir gerne weiter arbeiten. Wie lässt sich unser Ansatz weiter entwickeln, was gibt es noch für Möglichkeiten, insbesondere Kinder für Sprache zu begeistern?

Ein anders Merkmal ist unsere kleine personelle Besetzung auf der Bühne. Ursprünglich natürlich aus der wirtschaftlichen Not geboren haben wir schon lange das darin liegende Potential entdeckt. Die wenigen Darsteller implizieren eine Lesart der Stücke, die uns entgegen kommt. Wir können thematisch konzentriert arbeiten, d.h. menschliche Entwicklungen und Fragestellungen in den Mittelpunkt stellen. Oft wird der „innere Schauplatz“ selbst zum Thema, etwa wenn in Otfried Preußlers „Die Abenteuer des starken Wanja“ der Held sich auf den Weg macht, um Zar zu werden. Durch das Verwandlungsspiel der Schauspieler in verschiedene Figuren um Wanja herum, wird die Geschichte einer Persönlichkeitsfindung umso deutlicher.

Zudem interessiert uns, in wiefern das Verwandlungsspiel der Schauspieler in verschiedene Figuren auch wieder den Zuschauenden/Mitbewegenden Freiräume für eigene Bilder und Gedanken eröffnet. Grade die Kinder sind beim Applaus immer wieder erstaunt, dass sich nur drei oder vier Schauspieler bedanken, da die Imagination das „Bühnenpersonal“ wohl erweitert.

Das ist ein spannender Punkt, den wir gerne näher untersuchen würden und mit dem wir bewusst arbeiten möchten.

Nicht zu vergessen ist auch die Musik, die in allen unseren Inszenierungen live zum Einsatz kommt. Sie ist fester Bestandteil, schafft Rhythmus, Gliederung, Stimmung. Auch da übernimmt meist ein Cellist schier die Aufgabe eines ganzen Orchesters.

Könnt Ihr noch etwas zu Eurer Probenarbeit sagen?

Konsequenterweise beschäftigen wir uns auch da mit dem Thema der inneren Bilder als Inspirationsquelle. Wir versuchen z.B., die Charakteristiken der Figuren weniger über die Analyse als über eine möglichst konkrete innere Anschauung zu entwerfen. Gestalt, Körperhaltung, Gang usw. entwerfen wir erst einmal im imaginativen Raum. Da würden wir gerne noch viel konkreter werden. Für diese Arbeit ist der zur Zeit herrschende Produktionszeitdruck tödlich.

Wir stellen uns vor, dass man auf diese Weise einen weit anregenderen künstlerischen Prozess in Gang bringen könnte als es eine intellektuell geprägte Auseinandersetzung vermag.Ein weiteres wichtiges Element der Probenarbeit ist die Improvisation. Wir versuchen, uns die Situationen zu erspielen, erst einmal ganz ohne Sprache, um den Fokus auf Handlung und Körperspiel zu lenken. Auch da würden wir uns noch viel mehr Raum wünschen, um uns Improvisationstechniken erarbeiten zu können, die eine wirkliche Geistesgegenwart und die spielerische Phantasie schulen.

Wir möchten noch viel mehr ein „Schauspielertheater“ werden, bei dem die Regie in der Hauptsache die Aufgabe des aktiven Zuhörers einnimmt.

Angenommen, Ihr könnt die nötigen Mittel beschaffen, wie stellt Ihr Euch dann theater morgenstern in drei Jahren vor?

- Wir stellen uns vor, dass theater morgenstern in diesem Fall an stadtweiter Resonanz gewonnen haben wird.

- Dass wir es geschafft haben werden, unsere Öffentlichkeitsarbeit so zu professionalisieren, dass wir gleichberechtigt ins öffentliche Bewusstsein eingegangen sein werden wie andere Theater vergleichbarer Größe.

- Dass es uns gelungen sein wird, aus den gewohnten Bahnen auszubrechen und wir mind. zwei neue Produktionen mit experimentellem Charakter werden realisieren haben können

- Dass wir dafür eine ausreichende Vorbereitungszeit gehabt haben werden

- Dass wir unser künstlerisches Profil werden weiterentwickelt und geschärft haben können

- Dass es uns gelungen sein wird, fähige Schauspieler zu motivieren, einen längeren Weg mit uns zu gehen

- Dass wir Strukturen geschaffen haben werden, die den Beteiligten eine finanzielle Perspektive bietet

- Dass wir eine Halbtagskraft im Büro haben einarbeiten können, welche uns vom Büroalltag soweit hat entlasten können, dass wir uns mit voller Kraft auf die künstlerischen Belange haben stürzen können

- Dass Berlin ohne theater morgenstern für immer mehr Menschen undenkbar geworden ist und dass viele Forschungsreisende sich mit uns auf die Reise begeben haben werden zur Entdeckung der Kultur des inneren Menschen und gewillt sind, den Weg mit uns noch weiter zu gehen.