Across the Pomegranate

Wie möchten wir zusammen leben? Was möchten wir zusammen unternehmen? Von diesen Fragen aus begaben sich im Winter 2016/17 geflüchtete Frauen und Friedenauerinnen in das Abenteuer gegenseitigen Kennenlernens. Jeweils montagabends bot das Theater einen geschützten Raum für vielfältige Begegnungen – mit sich selbst und untereinander.

Schnell wurde klar: Hier macht es keinen Sinn, einem fertigen Konzept zu folgen. Vielmehr handelt ein solcher Prozess davon, mutig und mit offenem Geist immer wieder neu aus dem Jetzt zu schöpfen. Das trug zur künstlerischen Qualität des Geschehens bei.

Erzählrunden, Bewegungsspiele, singen, tanzen, aber auch Nicht-Verstehen und Frustration aushalten und zwischendrin lange Momente geteilter Stille – interessanterweise bildete sich aus all dem eine Struktur heraus: Es gab, jedes Mal neu, die Einladung, ein inneres Bild oder auch eine Erinnerung, die für einen selbst von Bedeutung sind, zu vergegenwärtigen, um sie miteinander zu teilen. Von da aus wurde improvisiertes Spielen zur zentralen Ausdrucksform; kurze, gemeinsam gestaltete Szenen, wortlos oder in gleich welcher Sprache.

Wegweisend hierbei war von Anfang an der Granatapfel. Liegt doch sein Ursprung in eben den Gegenden, aus denen die Mehrzahl der jüngst zu uns geflüchteten Menschen stammt. In der (vorder)asiatischen und islamisch arabischen Welt entspricht seine Bedeutung der des Apfels im jüdisch-christlich geprägten Kulturkreis. Er ist eine Paradiesfrucht.

Und gerade in der so unparadiesischen heutigen Welt spricht der Granatapfel eine starke Sprache. Rund wie die Erde, unser aller Heimat, und innen blutrot verkörpert er eine Reihe von Fragen, die hochgradig relevant für ein demokratisches, zukunftsvolles Miteinander sind. Ist doch die überwältigende Pracht und lebenspendende Fülle in seinem Inneren von einer harten Schale umhüllt, die einem beim Öffnen größten Widerstand entgegen bringt. Wie können wir mit Blick auf den Reichtum kultureller Vielfalt lernen, Hindernisse und Widrigkeiten besser zu integrieren? Wie können wir als Gemeinwesen die oft so harten Schalen aus Sprachbarrieren, aber auch aus Meinungen, Positionen, Missverständnissen, Vorurteilen und Denkgewohnheiten durchdringen, um zu einem gedeihlichen Miteinander zu gelangen?

An jenen Montagabenden ließ sich bestaunen, wie Frauen aus Syrien, Afghanistan, dem Iran oder Irak mithilfe eines sorgsam geführten Messers die Schale des Granatapfels zunächst an bestimmten Stellen aufritzten, sie sodann fest mit beiden Händen zusammendrückten, um die Frucht schließlich bedacht, aber auch beherzt aufzubrechen. Das feine Knacken, wenn die Schale nachgibt, wenn die dicht an dicht gefüllten Kammern darunter aufgehen. Das unversehrt sich darbietende Innere: mit seiner prallen und zugleich strukturierten Fülle, den weichen, saftigen Fruchtsamen, die sowohl überraschend herb als auch aromatisch-erfrischend schmecken. Kein einziger verletzter Fruchtsame. Nirgends ein roter Fleck. Es geht also!

Und so zählt zu den Ergebnissen dieses Begegnungsprozesses – neben Verabredungen zum Deutschlernen, zu gemeinsamem Kochen und manchem mehr – ein sehr bemerkenswerter Text der jungen, aus dem Iran geflüchteten Schauspielerin Aysooda Mahroosi: Vom Granatapfel (PDF)

Begleitet wurde »Across the Pomegranate« von Hildegard Kurt, Kulturwissenschaftlerin, Autorin und praktisch auf dem Feld des Erweiterten Kunstbegriffs (Joseph Beuys) tätig, sowie von der Schauspielerin und Theaterpädagogin Janina Sasse.

Wir danken dem Berliner Projektfonds für Kulturelle Bildung, dem Fonds Soziokultur sowie den Freundinnen und Freunden der Heinrich-Böll-Stiftung für die gewährte Unterstützung. 
Aus dem Wunsch etlicher Mitwirkender, diesen Begegnungsprozess fortzusetzen, entstand der Wartesaal AKTIV (PDF).

Text: Hildegard Kurt, Fotos (7): Claudia Berg