Jugendgruppe des theater morgenstern

Ein Porträt

Die jüngste Produktion: KopfSPRUNG, gefördert vom Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung und dem Fonds Soziokultur, Premiere am 16. September 2017

Um die 20 Jugendliche aus Syrien, Afghanistan, Iran, Deutschland und anderswo, manche von der Gründung im Dezember 2015 an dabei: Das ist die Jugendgruppe des theater morgenstern. Seit das Theater seine Spielstätte im Berliner Rathaus Friedenau mit einer Unterkunft für Geflüchtete teilt, erkundet es verstärkt künstlerische Wege hin zu einem Zukunft stiftenden Miteinander in kultureller Vielfalt.

Einige der Jugendlichen durchqueren für die wöchentlichen Proben halb Berlin. Denn hier ist ein Theater, das nicht nur einzelne Projekte anbietet, sondern eine denkbar bunte Gruppe beherbergt, in der Beziehungen wachsen können und spannende Prozesse ablaufen.

HERAKLES. 12 things to do (Okt. 2016 - April 2017), gefördert vom Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung. Szene aus dem Bühnenstück, April 2017

In der Tat ist viel geschehen: Für die erste Aufführung Ende 2015 hatte ihr Leiter Selim Çinar, Schauspieler und Theaterpädagoge mit türkischen Wurzeln, die Gruppe, die damals noch überwiegend aus geflüchteten Jungs bestand, ermutigt, selbst ausgedachte kleine Szenen auf die Bühne zu bringen. Beim Zuschauen stockte einem der Atem, als erkennbar wurde, in welchem Maß diese jungen Leute gewaltgetränkte Bilder in sich tragen. Doch – wen wundert´s? Wenigstens konnte hier das, was ist, mal gemeinsam angeschaut werden.

Von da aus legte die Gruppe eine fantastische Entdeckungsreise zurück. Die Stücke werden immer poetischer, humorvoller, tiefer. Die Produktion »HERAKLES: 12 things to do« im Frühjahr 2017 fragte: Was wären Heldentaten der Gegenwart? Gibt es eine Tat, die ich in meinem eigenen Umfeld setzen kann, eine kleine, präzise, kreative Tat, kraft derer die Welt vielleicht ein bisschen besser wird?

HERAKLES - Werkstatt Lebenstat: Eine verödete Straße gärtnernd neu beleben. Lillys Aktion.

Parallel zur Erarbeitung des Bühnenstücks gab es eine »Werkstatt Lebenstat« auf der Grundlage des Erweiterten Kunstbegriffs (Beuys). Dort halfen kreative Prozesse, sich (neu) mit dem inneren Stern, der jede und jeden einzigartig macht, zu verbinden.

Im Ergebnis beschloss Mohammad, eine Freundlichkeitsoffensive in der U-Bahn zu starten, belebte Lilly gärtnernd eine verödete Straße, schwebt Aysooda ein Gesprächskreis »Religionen« vor … Und das Publikum erlebte einen mitreißenden Theaterabend.

HERAKLES - Werkstatt Lebenstat: Prozess "malen, um zu verstehen". Aysoodas erste Skizze.

Wie geht Integration?
Wie kann kulturelle Vielfalt als Reichtum erfahrbar werden? Wie sieht Prävention gegen Radikalisierungen konkret aus? Auf derlei brennende Fragen einer zum Zukunftsfähigkeit ringenden Gesellschaft praktiziert das theater morgenstern Antworten. Denn hier fungiert das Theater als geschützter und zugleich freier Raum des Werdens und der Potenzialentfaltung.

HERAKLES - Werkstatt Lebenstat: Im Alltag Impulse setzen nach dem Prinzip "Kleine Tat - tiefe Bedeutung" (I Ging). Amirs Aktion

E., mit 15 Jahren unbegleitet geflüchtet und jetzt 17, hat ein dickes Veilchen, wegen einer Schlägerei am Vortag, erscheint aber dennoch zur »Werkstatt Lebenstat«. Beim »Malen, um zu verstehen« wird bald erkennbar, wie dieser Prozess ihn ganz absorbiert. Im anschließenden Austausch teilt er mit, phasenweise fände er sich selbst unausstehlich und verhalte sich dann auch so. 

HERAKLES - Werkstatt Lebenstat: Sich neu mit dem inneren Stern verbinden, der jede*n einzigartig macht. Alirezas Aktion.

A., 17 und ebenfalls unbegleitet geflüchtet, zeigt bei der Abschlusspräsentation ein mit dem Handy gefilmtes, wunderbar poetisches Video von einem roten Drachen, der, selbst gebaut, vor der hohen fensterlosen Fassade eines Gewerbegebäudes neben A.s Unterkunft in den blauen Himmel emporzusteigen sucht und dabei immer wieder abzustürzen droht (s. nebenstehendes Video). Beim Zuschauen erinnern sich die anderen Mitglieder der Gruppe daran, was A.s Mutter ihm einst mitgegeben hat: Er werde es immer schwer haben, aber seinen Weg finden.

Selim Çinar, Schauspieler und Theaterpädagogie, künstlerischer Leiter der Truppe

Selim Çinar, Leiter der Gruppe, weiß selbst nur zu gut, was Fremdenfeindlichkeit, aber auch innere Passivität bedeuten. Das trägt zu seiner Glaubwürdigkeit bei. Er kennt sich mit Kampfkünsten und Tanzrichtungen aus, während ihm zugleich Humor, Fantasie und tiefe Humanität eignen. Die Jungs nennen ihn gern »Bruder«. Es gibt Momente bei den Proben, wo fast mit Augen sichtbar wird, wie die Jugendlichen, auch die Mädchen, sich innerlich an Selims Persönlichkeit hoch ranken.

Kalila & Dimna (Jan. - Mai 2016). Ohne Förderung, Teilfinanzierung über Spenden.

Dorthin, wo wahre Freiheit ist
Der russische Philosoph Grigorij Pomeranz – er verstarb unlängst hochbetagt und bettelarm – gilt in seinem Land quer durch die politischen Lager als eine von wenigen moralischen Autoritäten. In einem Brief schrieb er einmal: »Eine der Aufgaben der Schule und der Kultur insgesamt besteht darin, den Menschen in seine eigene Tiefe zurückzuversetzen, dorthin, wo er die wahre Freiheit erlangen kann, die Freiheit davon, wie ein Zombie programmiert zu werden.« In Zeiten extremistischer Menschenfänger, einer allgegenwärtigen, digitalen Zerstreuungsindustrie und übermächtiger Konsumverlockungen wird offenkundig, welch elementarer Treibstoff jene Freiheit, von der Pomeranz spricht, für den Wandel in Richtung Nachhaltigkeit ist.

Falafel-Attentat (Juli 2016). Gefördert vom Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung Tempelhof-Schöneberg.

Vom Feld der Kunst aus hat namentlich Joseph Beuys diese Tiefendimension vor Augen gehabt. Seine Formel »jeder Mensch ein Künstler« verweist darauf, dass jede*r die nötige Freiheit und Kraft in sich trägt, um den Wandel hin zu einer überhaupt erst menschenwürdigen Zivilisation mit zu gestalten. Vor diesem Hintergrund handelt ästhetische Bildung, wie im theater morgenstern exemplarisch praktiziert, davon, Räume zu schaffen, in denen die Würde des Menschen als im Innersten freies, schöpferisches Wesen aufscheinen kann. Solche Menschenbildung veranlagt stets auch Mündigkeit als Mitglied von Gemeinwesen.

Lass dich küssen, Turandot (Mai - Okt.2016). Gefördert vom Bundesamt für Bildung und Forschung über das Programm "tanz+theater machen stark" des Bundesverbands für Freie Darstellende Künste.

Perspektiven
Welche Unterstützung aus Politik und Zivilgesellschaft braucht es, um aus diesem Modellprojekt »Mainstream« zu machen? Dreierlei: Die Kulturpolitik sollte Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass kreative Menschen mit Migrationshintergrund aufgrund ihrer besonderen Kompetenzen verstärkt als Wegbereiter für Integration und als Brückenbauer zwischen Kulturen fungieren können. Die Förderprogramme der öffentlichen Hand in den Bereichen Kultur und Kunst sollten über punktuelle Projekte hinaus ein kontinuierliches Arbeiten unterstützen. Schließlich stünde es den Medien sehr gut an, mehr über Wegweisendes wie die Jugendarbeit des theater morgenstern zu berichten.


Text: Hildegard Kurt

Legen wir los (Dez. 2015). Gefördert vom Bundesamt für Bildung und Forschung über das Programm "tanz + theater machen stark" des Bundesverbands für Freie Darstellende Künste.


Unter dem Titel Dorthin, wo wahre Freiheit ist (PDF) erschien dieses Porträt in der Jubiläumsausgabe der Zeitschrift Politische Ökologie (September 2017).

 

Fotos: Peter C. Theis, Daniel Koch, Pamina Dittmann, privat