WartesaalAKTIV

Kunst und Theater mit Frauen ab 18 Jahren (Juni – Oktober 2017)

Warten, warten, warten! Auf die Wohnung, den Asylbescheid, den Job … WartesaalAKTIV, ein Begegnungsprozess mit geflüchteten Frauen, hat daraus eine Lebenskunst gemacht: Wir haben unseren eigenen Wartesaal gestaltet, unsere Lebensreise erkundet, Theater gespielt und Soziale Kunst erprobt. Hier geben wir einen kleinen Einblick:

Werkstatt "Rauminstallation Teil 1"

Konzeption des Raumes: Wohin könnte meine Lebensreise gehen?

Der WartesaalAKTIV-Flyer in vier Sprachen
Sich Zeit und Ruhe nehmen, um mal zu schauen: Was trage ich in meinem inneren Koffer alles so mit mir herum?
Teilweise zum ersten Mal überhaupt im Leben malen...
Das Denken als Ursprung des Handelns. Zeichnung: Aysooda Mahroosi
Ergebnisse des Erkundens festhalten - zunächst an den Wänden des Raumes.

Vier Monate lang stellte das Theater seinen Parkettsaal zur Verfügung. Er ist nur durch eine Fluchttür von der Notunterkunft getrennt. Diesen Saal begannen wir zu unserer persönlichen Transitzone umzugestalten. 

Die Idee war, von Amts wegen verordnete Untätigkeit in eine Zeit der Gemeinsamkeit, der Ideenfindung und der Selbstfindung umzuwandeln. Wir wollten einen Freiraum schaffen, in dem Frauen selbstbestimmt initiativ werden können. Und in dem Begegnungen zwischen geflüchteten Frauen und Friedenauerinnen stattfinden. Tatsächlich haben sich aus den vier Monaten eines kreativen Miteinanders vielfältige Beziehungen entwickeln können. Dass wir hier den WartesaalAKTIV in einer Kooperation geflüchteter und eingesessener Frauen dokumentieren, zeugt davon.  

WartesaalAKTIV lud dazu ein, je eigene Potenziale zu entfalten, um von da aus nach gemeinsamen Hoffnungen und nach Spielräumen für ein veränderndes Handeln zu suchen. Ein wichtiger Ansatz hierfür war der Erweiterte Kunstbegriff (Beuys), wonach »jeder Mensch ein Künstler« ist. Das bedeutet: Jede und jeder, unabhängig von Alter, Herkunft, Kultur und Religion ist fähig und berufen, eine zukunftsfähige Welt mitzugestalten.  

Als Portal hinein in das je eigene »innere Atelier« dienten uns diese vier Fragen:

  • Wohin könnte meine Lebensreise gehen?
  • Was möchte ich in meinem (inneren) Koffer dabeihaben?
  • Was möchte ich zurücklassen? Oder: Wovon möchte ich mich befreien?
  • Was kommt in die Waschmaschine? Oder: Was möchte ich bearbeiten?

Sehr bald stellten wir fest, dass diese Fragen für jede von uns bedeutsam sind, egal, ob geflüchtet oder nicht. Sie führen in Räume der Begegnung – mit sich selbst genauso wie mit anderen Menschen. Als wichtigste kreative Methode, um solche Lebensfragen zu erkunden, erwies sich das »Malen, um zu verstehen«. 

Bei dieser Art des Malens kommt es überhaupt nicht darauf an, ob jemand Talent zum Malen hat oder nicht. Auch muss danach nichts präsentiert werden. Es gibt kein richtig und kein falsch. Was geschieht, ist vielmehr dies: Mit einer der oben genannten Fragen im Sinn setzen wir uns entspannt hin, hören eine sanfte Musik und greifen dann ohne viel nachzudenken zu einem Pinsel, einem Stift. Wählen eine Farbe, ziehen eine Linie, schaffen eine erste Fläche … Und immer wieder erleben wir dabei etwas Geheimnisvolles: Wie auf einmal, hervorgebracht von der eigenen Hand, etwas entsteht, das zu einem zu sprechen beginnt. Tatsächlich zeigt sich beim anschließenden ruhigen Betrachten oft: Was da jetzt vor mir liegt, von mir gemalt, teilt mir etwas mit, worauf ich sonst nicht gekommen wäre – noch dazu Wichtiges!

Werkstatt "Rauminstallation Teil2"

Ausführung der Rauminstallation: Bühnenbild

Paletten werden zu Wartebänken und einem Schalterhäuschen.
C. gestaltet mit der Klebepistole und alten Geldscheinen ihren Lebenskoffer.
Blick in einen der von den Frauen mit Erinnerungen und Zukunftswünschen gefüllten Koffer.

Wir installieren im Parkettsaal vom Theater Morgenstern einen Wartesaal. Es fängt an mit dem Bau eines Raumes aus Holz. Ein Raum mit zwei Fenstern und einem Eingang. Wie möchten wir diesen Raum gestalten? Wie kann er aussehen, damit wir uns darin wohl fühlen?

Für die Gestaltung des Wartesaals stehen uns viele verschiedene Hilfsmittel und Materialien zur Verfügung, wie Farben, Papier, Pappe, Stoffe, Gips, Muscheln und allerhand weitere Dekorationsartikel.
Eine Bühnenbildnerin unterstützt uns bei unserer Arbeit.

Was nehmen wir als Requisiten? Um die Vorstellung einer Reise leichter zu machen, stehen uns alte Koffer zur Verfügung, die wir neu gestalten können. Wir können alles, was auf unserer Reise notwendig ist, was sich leicht mitnehmen lässt, was wir wirklich in der Zukunft brauchen in diese Koffer packen.

Einige Frauen bemalen die Koffer oder gestalten sie mit Stoff, aber die meisten von uns stellen darin ihre Erinnerungen oder Dinge dar, die sie im bisherigen Leben erreicht haben, die auf ihrer Lebensreise wichtig sind und sie weiter begleiten sollen.

Der ganze Wartesaal besteht aus den Arbeiten der Frauen. Er stellt die Reise selbst und mögliche Ziele ihrer Reise dar. Er enthält Wünsche für die Zukunft und dient als Bühnenbild für das Theaterstück, das wir zusammen mit einer Schauspielerin/Theaterpädagogin entwickeln wollen.

Im ersten Teil des Projektes haben wir uns viele Fragen gestellt. Sie betrafen unsere Reisen, Erinnerungen, Zukunftspläne und die Wartezeit auf dem Weg, z.B. auf Behörden oder in verschiedenen Situationen überall auf der Welt. Aus den Antworten soll unser Theaterstück im nächsten Schritt entstehen.

Werkstatt "Theaterspiel"

Aus Zukunftswünschen und Lebensgeschichten entsteht ein Theaterstück

Pascale Senn Koch, künstlerische Leiterin von Theater Morgenstern, begrüßt die Gäste und eröffnet den Wartesaal.
M. erzählt eine lustige Begebenheit aus ihrer Jugend über ihre Tante und die Pünktlichkeit iranischer Flugzeuge.
Anschließend stellen die Teilnehmerinnen das Erzählte als Szene dar.
Im WartesaalAKTIV haben geflüchtete Frauen und Friedenauerinnen Freundschaft geschlossen. Die Szene "Afrikanische Methoden" greift ein besonderes Ereignis auf, das die neuen Freundinnen kürzlich zusammen erlebt haben. Lesen Sie weiter unten (PDF), was es mit diesen Methoden auf sich hat.

Vor jeder Übung setzten wir uns im Kreis zusammen. Dies soll uns Kraft geben und die Gedanken befreien, um unsere Ziele besser zu ordnen. Geist und Seele werden genauso angeregt wie Handwerk und Geschicklichkeit. Wir haben unsere Ausdrucksfähigkeit trainiert. Mithilfe von Erinnerungen und Körperübungen haben wir uns in Gefühle oder Charakterbilder wie Neugier, Angst, Wut, Überheblichkeit, Langeweile, Coolness und Freude versetzt. So haben wir gelernt, unterschiedliche Charaktere mit und ohne Sprache, nur durch starken Körperausdruck darzustellen. Dies hat uns nicht nur beim Theaterspiel geholfen. Es hat auch unser Selbstbewusstsein gestärkt.

Unser Stück besteht aus drei Teilen - Teil A "Zeitstrahl der Erinnerungen": Wir haben uns an Ereignisse in der Vergangenheit erinnert, die sehr stark und bedeutend in unserem Leben waren. Diese freudigen, traurigen, lustigen oder besonderen Ereignisse haben wir auf einem Zeitstrahl, von 1987 bis 2017 gezeigt. Jede Frau hat drei Ereignisse jeweils in dem Jahr markiert, in dem sie stattgefunden haben. Wir sind dann im Raum auf dem Zeitstrahl Schritt für Schritt, Jahr für Jahr von 1987 bis 2017 gegangen. In dem Jahr, in dem eine Frau ein besonderes Ereignis hatte, rief sie „Stopp“, nannte ihr Ereignis und stellte es mit einer Bewegung dar.

Teil B "Geschichten rund um den Wartesaal": Im Fokus unserer Vorführung steht das Jahr 2017. In dem Jahr sind alle Frauen in Deutschland angekommen und müssen sich an die Art und Weise des Lebens, Regeln und Gesetze, Bürokratie und Wartezeit bei der Erledigung der Papiere und Anträge gewöhnen. Wir haben uns gegenseitig Geschichten oder Begebenheiten aus unserem Leben erzählt, in denen wir warten mussten. Diese haben wir dann in Szenen nachgespielt. Wir haben uns von der erzählenden Frau erklären lassen, wie der Raum aussah, in dem die Geschichte stattfand, welche Personen beteiligt waren und welches Auftreten sie hatten. Dann haben wir uns mit den vorher geübten Charakterbildern in die Rollen der beteiligten Personen hineinversetzt und die „Wartesaal“-Szenen mit wenigen Requisiten und meist ohne Sprache, nur mit körperlichem Ausdruck gespielt.

Teil C "Zeitstrahl in die Zukunft": Ab dem Jahr 2017 läuft der Zeitstrahl in die Zukunft bis ins Jahr 2030. Die Frauen haben ihre Ziele, Wünsche und Träume aufgeschrieben. Jede Frau hat drei davon je einem Jahr in der Zukunft zugeordnet, in dem sie eintreten werden, z.B. Masterabschluss, Führerschein, Großmutter geworden, erfolgreiche Schauspielerin. Wir sind dann im Raum auf dem Zeitstrahl Schritt für Schritt, Jahr für Jahr von 2017 bis 2030 gegangen. In jedem Jahr, in dem eine Frau ein solches Zukunftsereignis hatte, rief sie „Stopp“, nannte es und stellte es mit einer Bewegung dar. Das gesamte Stück haben wir erfolgreich einem Publikum präsentiert.

Werkstatt "Soziale Kunst"

Die Erkundung einer neuen, tieferen Art der Kommunikation

Die eigene, innere Schönheit spüren: eine neue Art zu kommunizieren ausprobieren.
Wir nehmen Halloween als Anlass, um zu fragen, wie versklavte Seelen ihre Freiheit wiedererlangen können.
Impression aus der Werkstatt "Soziale Kunst"
Ein Zombie vor seiner Entsklavung
Ex-Zombies und Partygäste feiern am Schluss ausgelassen.

Mit der Werkstatt »Soziale Kunst« waren wir an der letzten Etappe des WartesaalAKTIV-Prozesses angelangt. »Soziale Kunst« lehnt sich an den Begriff »Soziale Plastik« an, womit Joseph Beuys das mit ihm erweiterte Verständnis von Kunst – siehe die erste Werkstatt – umschrieb. 

In einem intensiven, gut einwöchigen Werkblock erkundeten wir eine neue Kommunikation: kleine kreative Prozesse, mit denen wir einander helfen können, etwas von der Tiefe des je eigenen Menschseins zu spüren – etwas von unserer inneren Schönheit und unserer Fähigkeit, Gutes in die Welt zu bringen. Als wegweisend dabei erwies sich dieser Ausspruch des russischen Philosophen Grigorij Pomeranz: »Die zentrale Aufgabe von Kunst und Kultur besteht darin, den Menschen in seine eigene Tiefe zurückzuversetzen; dorthin, wo er die wahre Freiheit erlangen kann – die Freiheit davon, wie ein Zombie programmiert zu werden«.

Wie der so genannte Zufall es wollte, mündete diese Werkstatt in den 31. Oktober – in Halloween! Den Tag vor Allerheiligen, an dem Zombies und allerlei finstere Geister auf Partys ihr Unwesen treiben. Das kam uns wie gerufen: Wir nahmen Halloween zum Anlass, um zu fragen: Wenn Zombies »versklavte Seelen« sind – wie könnten solche Seelen ihre Freiheit wiedererlangen? Wie kann es möglich werden, inneren Unfrieden zu überwinden? Wie können wir einander helfen, neu in unsere Tiefe und damit in die eigentliche Freiheit zu finden? 

So öffneten wir am Halloween-Abend unsere »Soziale Kunst«-Werkstatt für Gäste: nicht so sehr, um etwas zu präsentieren, als vielmehr um in größerer Runde zu fragen, zu spielen, zu experimentieren. 

Im ersten Teil des Abends boten wir unseren Gästen Gelegenheit, gemeinsam mit uns jene neue Kommunikation zu erproben, mit der wir einander helfen können, etwas von der je eigenen inneren Schönheit zu spüren. Und wir ermunterten dazu, solche kleinen kreativen Prozesse selbst auszuprobieren – im Freundeskreis oder in irgendeiner anderen Gruppe. 

Als zweiter Teil folgte dann Theaterspiel. Wir spielten eine Halloween-Party, in die plötzlich Zombies einbrechen. Es kommt zu einem Ringen zwischen den »versklavten Seelen« und den Partygästen als innerlich freie Menschen. Dabei gelangen dieselben kreativen Strategien einer neuen, vertieften Kommunikation zum Einsatz, die wir im ersten Teil des Abends erprobt hatten. So fangen die Zombies an sich zu erinnern, dass sie in ihrem tiefsten Innern ja gar keine Zombies sind …
Am Schluss feiern und tanzen alle, Ex-Zombies und Partygäste, ausgelassen miteinander.

WartesaalAKTIV hat Frauen zusammengebracht, die sich sonst nie getroffen hätten. Über ihre Erlebnisse und Gedanken außerhalb des Projekts berichten einzelne Teilnehmerinnen in den folgenden Artikeln:

Mitwirkende an dieser Dokumentation:
Claudia Berg, Masoumeh Changi, Linda Douedari, Tamara Douedari, Violetta Essa Farhat, Solveig Hammer-Schenk, Mariann Heymann, Maryam Jafari, Elahe Karimi, Salam Khalel, Hildegard Kurt, Aysooda Mahroosi, Aida Mobaraki, Golfam Soltanabadi

Texte:
Tamara Douedari, Solveig Hammer-Schenk, Maryam Jafari, Hildegard Kurt, Aysooda Mahroosi, Aida Mobaraki, Anna Werliková, Simin Zarei

Fotos und Videos:
Claudia Berg, MacKrodt & MacKrodt GbR, Hildegard Kurt, Daniel Koch, Aida Mobaraki

Verantwortlich Begleitende beim WartesaalAKTIV:
Werkstatt »Rauminstallation« – Teil 1: Konzeption: Hildegard Kurt und Denise Biermann
Werkstatt »Rauminstallation« – Teil 2: Bühnenbild: Christina Güllich und Denise Biermann
Werkstatt »Theater«: Janina Sasse und Mariann Heymann
Werkstatt »Soziale Kunst«: Hildegard Kurt und Mariann Heymann

WartesaalAKTIV wurde in enger Kooperation mit dem und.Institut für Kunst, Kultur und Zukunftsfähigkeit e.V. konzipiert und durchgeführt. 

Gefördert wurde WartesaalAKTIV vom Paritätischen Bildungswerk Bundesverband e.V. aus Mitteln des Förderprogramms "Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung" vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Weitere Kooperationspartner waren SIN e.V. und das Nachbarschaftsheim Schöneberg e.V.