Probentagebuch: Reineke, der gerissene Fuchs

Ein Bericht von Marie im Rahmen eines Schulpraktikumn

Marie ist 16 Jahre alt und hat im Juni 2018 ein Schulpraktikum am MORGENSTERN absolviert. Unserer Inszenierung "Reineke, der gerissene Fuchs" liegt Goethes Epos "Reineke Fuchs" zugrunde. Marie nahm an einigen Proben teil und hat ihre Eindrücke in einem Tagebuch festgehalten:

6. Juni 2018

Während meiner ersten Probe wird an den Figuren gearbeitet: Das Wichtige ist, dass man den Schwerpunkt auf die menschlichen Züge in einem Tier legt und diese hervorhebt. Dazu werden vorerst Adjektive zu den einzelnen Tieren gesammelt (Beispielsweise: Löwe (König)- dekadent, behäbig; Fuchs (Reineke)- hinterlistig, geschmeidig, machtbesessen, berechnend u.Ä.).

So werden die Figuren herauskristallisiert. Der Regisseur hat klare Vorstellungen. Reineke Fuchs ist in Hexametern geschrieben. Es wird Wert darauf gelegt, dass dieses Versmaß in der Inszenierung nicht ganz verloren geht. Trotzdem oder gerade deshalb ist es wahnsinnig wichtig, dass Texte nicht geleiert oder sogar skandiert werden. Der Goethe Originaltext zieht sich durch das ganze Stück. Als Vorbereitung lesen die Schauspieler vor oder während den Proben das Werk.

7. Juni 2018

In dieser Probe lesen die Schauspieler*innen den Text laut vor. Dabei experimentieren sie mit verschiedenen Stimmen, Lautstärken, Mimiken und Gestiken. Dies ist wirklich lustig anzusehen, es wird viel gelacht und es herrscht wie so oft eine entspannte Atmosphäre. Das Beste ist einfach, dass die Schauspieler*innen trotz allem ernst bleiben und auch keinerlei Hemmungen voreinander zeigen. Es wird übertrieben artikuliert und durch Augenkontakt zwischen den Schauspieler*innen sogar schon eine Spannung aufgebaut und gehalten. So kann man sich gut in die Rolle einfühlen. Sehr wichtig ist natürlich auch das deutliche und verständliche Sprechen. Wenn es beim Lesen zu Versprechern kommt, wird einfach weitergemacht und improvisiert.

Schon beim ersten Durchlesen werden die verschiedenen Einsätze gut vorbereitet. Dazwischen werden Unklarheiten bezüglich des Kontextes geklärt („Warum bin ich nochmal so unheimlich wütend auf dich?“). Die Schauspieler*innen sitzen sich gegenüber, sprechen sich explizit an und unterstützen Gesagtes – auch das des Gegenübers – mit Körpersprache und Haltung und manchmal mit Kommentaren und Rufen, einfach aus der Rolle heraus improvisiert. Es herrscht zwar eine lockere Stimmung, aber trotzdem sind alle Beteiligten sehr ernst und bei der Sache.

Abschließend geben sich die Schauspieler untereinander ein Feedback über die jeweiligen Figuren.

11. Juni 2018

Heute geht es hauptsächlich um die Arbeit mit dem Rhythmus. Eine Spezialität des Regisseurs, welche bei den Schauspielern jedoch vorerst für Unmut und Verzweiflung sorgte…

Reineke Fuchs ist in Hexametern verfasst, bestehend aus 6 Mal Daktylus, also lang, kurz, kurz („Nobel, der König…“ – betont, unbetont, unbetont, betont, unbetont…). Hierfür wird mit dem Originaltext gearbeitet. Zäsuren, das heißt Atempausen, werden einheitlich festgelegt. Zur Übung wird der Hexameter körpersprachlich bearbeitet und in verschiedenen Intensitäten gestampft, bzw. getrippelt. Das Gemeine ist aber, dass die Zäsuren sich verschieben und man immer vier Pulsschläge auf einen Atemzug spricht. Ich war nach dieser Probe sehr verwirrt. Der Rhythmus soll letztendlich dafür benutzt werden, in einzelnen Szenen für Stimmung zu sorgen, in einer Kampfszene Dampf machen und so weiter.

13. Juni 2018

Heute geht es darum, wie man die verschiedenen Tiere aus „Reineke Fuchs“ spielt. Dabei spielt Imagination die entscheidende Rolle. Man stellt sich Fragen wie "Wie reagiert diese Figur in einer bestimmten Situation?" Oder lässt zwei Figuren aufeinander treffen.

Heute werden besonders zwei Figuren behandelt, zum Einen der Löwe und zum Anderen der Protagonist Reineke Fuchs. Um in eine der beiden Rollen schlüpfen zu können, gibt der Regisseur als Hilfe Begriffe und Attribute vor (beim Löwen: durchgehende Präsenz, Kontrolle und Behäbigkeit). Danach werden Körperteile oder Haltungen genannt, welche für das Spielen dieser Rolle entscheidend sind. Für Nobel, den Löwen, ist das beispielsweise das Zeigen von Stärke und Größe im Brustbereich, wodurch seine Macht und sein Ansehen verkörpert werden. Bei Reineke ist es, dass er dem Publikum gegenüber immer seitlich steht, was den Anschein erweckt, etwas zu verbergen, womit er hinterlistig wird.

Nach diesen Vorgaben, bei denen eifrig Rückfragen gestellt werden, geht es an das Imaginieren: Die Schauspieler laufen mit geschlossenen Augen durch den Raum, tasten sich vorwärts und finden sich langsam in der Rolle ein. Die Blicke sind hochkonzentriert. Der Regisseur gibt Ratschläge und Tipps, um die Figur zu festigen. Beispielsweise werden verschiedene Fortbewegungsarten durchgeführt (Laufen in versch. Geschwindigkeiten, Springen, Kriechen). Es wird auf einen Konflikt aufmerksam gemacht, der berücksichtigt werden muss: Reineke muss Macht akzeptieren, ist dem König jedoch überlegen.

Abschließend wird die Szene nochmals gelesen, Vorgänge und Kontexte werden geklärt. Dabei werden die Fragen – Wie denkt die Figur? Was ist das Ziel einer Figur in einer Szene? Was will dafür eine andere Figur in dieser Szene erreichen? Was fühlt die Figur? Wie steht sie zu den Anderen? – ausführlich diskutiert. 

14. Juni 2018

Die heutige Probe findet ohne den Regisseur statt. Die Schauspieler*innen lesen das Stück mit den verteilten Rollen. Aufkommende Unklarheiten werden direkt geklärt („Wieso bin ich dir nochmal böse?“). Beim Vorlesen werden schon eventuelle Kostümwechsel und Lacher des Publikums beachtet. Außerdem wird versucht, den Rhythmus zu berücksichtigen. Damit die Authentizität gewahrt wird, werden spontan Tiergeräusche (Lieblingsbeispiel: Widder) gegoogelt. Zur Unterstützung des Gesagten verwenden die Schauspieler Gestik und Mimik.

15. Juni 2018

Die Texte werden fleißig geübt. Insgesamt hatten die Schauspieler*innen zwei Wochen Zeit, um sie zu lernen. Sie sitzen schon fast perfekt. Ganz selten muss ich soufflieren. Danach wird eine Szene (Auseinandersetzung Nobel und Reineke) geprobt und die Zeit wird gestoppt. Alle Wege, welche die Schauspieler auf der Bühne gehen, sind geplant und durchdacht. Alle Berührungen und Griffe, beispielsweise der Schwitzkasten, werden vorher genau besprochen, damit alle sich damit wohlfühlen. Ein entscheidender Charakterzug des Königs bei dieser Szene ist die Gier zum Schatz. Nach und nach schwindet die Hemmschwelle und der König kann seine riesige Gier zum Schatz vor Reineke nicht mehr verbergen. Nach der Probe wird noch etwas rumgealbert. Es werden zum Beispiel beim Spielen der Szene alle Verben weggelassen.